Kolumne

29. September 2016

Die letzten Dinos einer vergangenen Welt

Von Patrick Bernecker

Er war einer der letzten seiner Art: Mirko Lüdemann ist nach seinem gigantischen Abschiedsspiel vor über 12.000 Fans in der Kölner Lanxess Arena endgültig von der Eisfläche verschwunden. Telekom-Eishockey-Kommentator Patrick Bernecker macht sich trotzdem keine Sorgen um die kommenden deutschen Eishockey-Idole. Auch wenn Typen wie Mirko Lüdemann, Sven Felski oder Robert Hock einer anderen Ära entstammen.

Es ist ein Abtauchen in eine andere Welt, wenn ich mir den Werdegang der in den siebziger Jahren geborenen Eishockey-Generation anschaue - eine Welt voller Grenzen. Die DDR trennte Deutschland in zwei Teile, das Schengener Abkommen war Jahre entfernt und die Globalisierung steckte noch nicht einmal in ihren Kinderschuhen. Die Entfaltungsmöglichkeiten eines deutschen Eishockey-Sportlers waren stark limitiert.

Die Geschichte eines Mirko Lüdemann, der in der DDR aufgewachsen ist, für drei Jahre nach Kanada zog und danach zum "Kölsche Jung" mutierte, oder die eines Sven Felski, dessen jahrzehntelanger Weg selbst nach der Grenzöffnung nie über Ost-Berlin hinausführte – das gibt es heute so nicht mehr. Die Grenzen sind offen, die Möglichkeiten grenzenlos. Das politische Geschehen hat sich drastisch verändert. Damals wurde Politik auch auf dem Eis gemacht, davon ist heute zum Glück nichts mehr übrig geblieben. Es war der Startschuss für eine ganz andere Eishockey-Generation.

Dazu kamen epochale sportliche Veränderungen. Die 2000er Jahre sind daher eine ganz andere Zeit als die neunziger Jahre. Ich selbst habe im Bad Nauheimer Nachwuchs Eishockey gespielt und war später dort auch Trainer, kenne daher die ganzen Jungs, die in den Junioren-Teams gespielt haben, als die Grenzen geöffnet wurden und das Bosman-Urteil Mitte der 90er Jahre alles veränderte. Es war der Karrieretod für nahezu alle Juniorenspieler. Ich war oft in der Eishalle wenn die Junioren in der damaligen Bundesliga gespielt haben. Dort Eishockey zu sehen, war einfach geil. Das war der absolute Hammer. Viele der Spieler waren vom Talent her gut genug für die 1. Mannschaft, aber keiner wurde hochgezogen. Keiner! Auf einmal überschwemmten EU-Ausländer die Liga. Die ganzen Junioren hatten plötzlich keine Chance mehr. Bevor die Clubs sich die Zeit nahmen und einen Junioren-Spieler in die erste Mannschaft holten und dort behutsam die nächsten drei bis fünf Jahre aufbauten, holten sie lieber einen ausgebildeten, erfahrenen Italiener, Norweger, Dänen oder - ganz beliebt - einen Kanadier mit europäischem Pass. Die Clubs hatten gefühlt 15 Importspieler im Kader, dazu vier bis fünf Deutsche. Und selbst unter denen gab es hier und da noch welche, die eingedeutscht waren.

Patrick Bernecker

Wenn du es geschafft hast, dich in dieser Zeit durchzusetzen, musstest du verdammt viel Talent, mentale Stärke und Durchsetzungsvermögen mitbringen.

Faszinierend ist daher zum Beispiel ein Daniel Kreutzer. Er hat sich entgegen aller widrigen Entwicklungen und Tendenzen durchgebissen. Wenn du es geschafft hast, dich in dieser Zeit durchzusetzen, musstest du verdammt viel Talent, mentale Stärke und Durchsetzungsvermögen mitbringen. Auch wenn "Schnitzel" bis jetzt nie Meister geworden ist: Der nächste Lüdemann ist für mich Daniel Kreutzer. Er hat so viel erlebt, wie kaum ein anderer aktueller Spieler. Seine ersten Spiele hat er 1996 in der DEL absolviert. Er hat die Öffnung der Grenzen mitgemacht, den Ansturm der EU-Ausländer, viele Ups und Downs mit der DEG. Er kommt ebenfalls noch auch aus einem anderen Zeitalter. Aus einer alten, anderen Welt.

Zum Glück gab es in den neunziger Jahren auch Leute wie Hans Zach, die nicht müde geworden sind, die Missstände in der Liga aufzuzeigen und sich für die Ausbildung junger deutscher Spieler stark zu machen. Die Schweiz war ebenfalls ein gutes Vorbild, wieder mehr in den Nachwuchs zu investieren. Programme wie das der Jungadler in Mannheim oder die Eisbären Juniors aus Berlin kamen auf und sind auch heute maßgeblich für die Enzwicklung und Förderung deutscher Spieler verantwortlich. Wenn ich mir anschaue, wen die Eisbären in die Liga gebracht haben: Christoph Gawlik, Alexander Weiß, Marcel Müller, Alexander Barta, Andre Rankel, Florian Busch, Frank Hördler, Jens Baxmann, Constantin Braun - um nur einige zu nennen.

Dadurch stieg auch die Bereitschaft der Trainer, diese jungen deutschen Spieler einzusetzen. Denn eines wurde mit der immer weiter nach unten limitierenden Ausländer-Regelung klar: Ohne gute deutsche Spieler wirst Du nicht Meister. Du brauchst deutsche Leistungsträger, damit das klappt. Das hat den Weg für die aktuellen Stars geebnet.

Haie-Verteidiger Moritz Müller weicht keiner Auseinandersetzung aus. (Foto: City-Press)

Ein Moritz Müller zum Beispiel: Der ist von einer Zeit geprägt, in der er mit sehr vielen Ausländern verschiedenster Nationen gespielt hat. Er hat eine Menge internationalen Flair mitbekommen. Er hat von Schweden, Kanadiern, Slowaken, Russen und US-Amerikanern gelernt. Das kam ihm und den Spielern seiner Generation zu Gute. Darüber hinaus ist er ein Typ, der auf dem Eis nicht zurücksteckt, der keinem Fight aus dem Weg geht. "MoMü" ist definitiv ein Spieler, der zwei, drei Checks fährt, wenn es brennt oder dem Gegner vorm Tor den Helm vom Kopf zieht und sagt: „Hey, was ist los?" Er verfügt über einen außerordentlichen Charakter und kann mit den nötigen Erfolgen definitiv in die Fußstapfen der Legenden treten.

Patricker Bernecker über Daniel Pietta

Unglaublich, was er am Stock macht, was er für Pässe spielt.


Daniel Pietta gehört auch in diese Kategorie. Er ist für mich vom Typ her eher wie Mirko Lüdemann, weniger Moritz Müller. Ein super Spieler, technisch versiert und den Krefeld Pinguinen stets treu. Unglaublich, was er am Stock macht, was er für Pässe spielt. Er zeigt sein Können ganz klar auf dem Eis. Bei Auseinandersetzungen hält er sich, anders als Müller, eher zurück.

David Wolf wiederum ist eine ganz andere Kategorie. Der brennt 60 Minuten lang, was sich ab und zu in Aktionen entlädt, die der Mannschaft unnötige Strafen einbringen. Aber natürlich bist du froh, ihn im Team zu haben. Er reißt Lücken und schießt wichtige Tore.

Marcus Kink ist ein Allrounder, der alles überdurchschnittlich gut kann. Auch als Typ ist der Adler-Stürmer über jeden Zweifel erhaben. Den kannst du immer ansprechen, er hat immer ein Lächeln auf den Lippen und ist immer bereit, eine Antwort zu geben. Der zweimalige Meister ist ein Vorzeige-Kapitän. Von seinem Mannschaftskollegen Christoph Ullmann wissen alle Eishockeyfans, wie er drauf ist: Immer bereit, oft da, wo der Puck als nächstes hinkommen wird und dazu gewieft, gerissen und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen.

Patrick Bernecker

Frank Mauer vom EHC Red Bull München ist für mich einer der besten deutschen Spieler.


Frank Mauer vom EHC Red Bull München ist für mich einer der besten deutschen Spieler. Auch abseits der Eisfläche immer freundlich, offen für die Fans, ein intelligenter Spieler.

Und was wäre Nürnberg ohne Patrick Reimer? Der räumte in der vergangenen Saison alle Preise ab und ist seit Jahren ein Topscorer in der DEL.

Auf der Torhüterposition hat Bundestrainer Marco Sturm ein Luxusproblem. (Foto: City-Press)

Und natürlich dürfen wir auch die Torhüter nicht vergessen. Da hat Bundestrainer Marco Sturm sogar ein Luxusproblem mit Leuten wie Dennis Endras, Mathias Niederberger, Timo Pielmeier, Andreas Jenike oder Felix Brückmann.

Es gibt sie also noch, die Stars der DEL. Sie sind vielleicht nicht ein Leben lang bei einem einzigen Club oder versuchen sich gerne auch mal im Ausland. Aber sie prägen das Gesicht der Liga und glänzen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Dominik Kahun vom EHC Red Bull München ist eines der größten Talente in Deutschland. (Foto: City-Press)

In der nächsten Generation stehen auch genug Talente in den verschiedensten Altersklassen bereit. Dominik Kahun vom EHC Red Bull München hat in der vergangenen Saison seinen Durchbruch erlebt. Ein Maximilian Kammerer, wenn der noch zwei, drei Jahre so spielt, muss man aufpassen, dass den die NHL nicht wegholt. Lukas Koziol aus Krefeld hatte wohl niemand auf dem Schirm, und auf einmal rockt er los. Und wenn Marco Sturm einen Verteidiger wie Stephan Daschner kurz vor der Olympia-Quali aus dem Kader streichen muss, dann zeigt das, welche Qualität die deutschen Spieler inzwischen haben.

Auch wenn wir sicherlich langfristig nach wie vor nicht mit eishockeybegeisterten Ländern wie Kanada, Schweden, Finnland oder Russland mithalten können. Andererseits sind Siege gegen Tschechien oder die Slowakei inzwischen keine Seltenheit mehr. Und das zeigt doch schon, wie weit das deutsche Eishockey gekommen ist. Ich mache mir daher keine Sorgen um die deutschen Typen und um die Zukunft des deutschen Eishockeys. Auch wenn es natürlich schön wäre für diesen tollen Sport, wenn noch mehr Geld und Arbeit in den Nachwuchs investiert werden würde.